Wir laufen in Boston durch die Nacht. Es ist ein herrlicher Sommerabend - warm, die Sonne ist soeben untergegangen und die Stadt kommt langsam zur Ruhe. Unten am Wasser fallen einem die Scharen von Joggern auf, die zur vorgerückter Stunde noch etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Ich laufe an einer Art Baseballfeld vorbei, das mittlerweile in Flutlicht getaucht wurde, obwohl es dort weder Spieler noch Zuschauer gibt. Eine beeindruckende Atmosphäre. Als ich so meine Kamera darauf halte, schiebt sich eine Familie vor meine Linse. Der Vater und seine kleine, vielleicht 7jährige Tochter, sind in ein Gespräch vertieft. Er tut, was viele Väter dann und wann wohl tun: Er erklärt ihr das Leben. Es geht um die Schule, wo man sich einbringen kann. Was einen weiterbringt. Der Vater entschuldigt sich im Vorbeigehen noch bei mir, daß sie mir durchs Bild laufen. "It's okay", rufe ich ihm zu - schließlich bin ich froh, keine sterilen Landschaftsaufnahmen zu machen, sondern auch mal die Menschen des Landes mit auf Bild bzw. Film bekomme.
Ich sehe ihnen noch eine Weile nach. Eine schöne Atmosphäre und ein nettes Bild - Vater und Tochter im Gespräch. Plötzlich entdeckt er einen Zugang zum Baseballfeld und beide gehen hinein. Wenig später folgt die Mutter mit der zweiten kleinen Tochter, vielleicht 3 Jahre jünger. Der Vater geht mit seinen Kindern in eine der Ecken des Feldes. Dorthin, wo vermutlich der Ball geschlagen wird - ich hoffe immer noch, daß mir mal jemand die Regeln dieses offenbar doch recht interessanten Spieles erklären wird. Genau das scheint der Vater nun aber zu tun: Ich sehe, wie er etwas zeigt, den beiden kleinen Mädchen Erklärungen gibt und sie ein wenig laufen läßt.
Eigentlich muß ich weiter. Aber ich drehe mich wieder um, weil mir auf einmal ein Gedanke durch den Kopf schießt: "Das ist ein historischer Moment". Zumindest für die Kinder. Kennt nicht jeder von uns ein Erlebnis mit seinem Vater oder seiner Mutter, das einem für immer im Gedächtnis bleiben wird? Vielleicht, so denke ich, werde ich gerade Zeuge des Ereignisses, von dem eines der Kinder später einmal sagen wird: "Ich weiß noch wie es war, als mir mein Vater erklärt hat, von welcher Stelle des Feldes der Ball geschlagen wird ...". Ein wunderschönes Bild, wie ich finde - dabei werde ich eigentlich erst immer gegen Ende des Urlaubes so richtig sentimental.
Später in der U-Bahn denke ich darüber nach, was eigentlich mein "Papa-Erlebnis" ist. Glücklicherweise wurde ich - soweit ich mich erinnern kann - nie großartig in die Welt des Sports eingeführt. Wie man ein Tor schießt, hätte mich wohl auch nicht interessiert - das hat sich bis heute gehalten. Ich glaube, bei mir waren es die Zeiten der Ferien, bei denen ich mit meinem Papa zusammen auf die Arbeit gehen durfte. Später, in der Schule, habe ich dann im Gespräch mit anderen Kinder erfahren, daß das ein Privileg war, das nur wenige (bis gar keine) meiner Mitschüler in ihrem Leben hatten. Die meisten wußten nicht einmal, was ihre Eltern überhaupt beruflich so den ganzen Tag machten.
Ob sich diese beiden Kinder an den heutigen (oder einen ähnlichen) Tag erinnern werden, werde ich nicht mehr erfahren. Aber es war trotzdem schön, dabei zu sein. Ich muß sagen, daß ich die Stadt Boston bereits jetzt ins Herz geschlossen habe - sollte ich irgendwann einmal die Chance haben, meinen Wohnsitz ins Ausland verlegen zu dürfen, kommt diese Stadt sicher mit auf die Liste der möglichen Kandidaten. Für den Augenblich aber genieße ich erst einmal unseren Urlaub hier.
Wer Beweise braucht, findet das Video mit den spielenden Kindern auf dem nächtlichen Baseballfeld (inkl. dem Vater) auf diesem kurzen Video.
