Samstag, 5. Juni 2010

Toronto: Die Sache mit dem "Turm" ...

Auf unserem Weg durch die Stadt kamen wir natürlich heute Abend auch am berühmtesten Bauwerk von Toronto vorbei: Dem CN-Tower. Das Dings ist über 500 m hoch und der größte freistehende Turm der Welt! Besucher können bis auf 447 m mit dem Fahrstuhl hochfahren - das erfolgt in zwei Etappen. Ursprünglich, so habe ich den zahlreichen Tafeln im Turm entnommen, war diese beachtliche architektonische Leistung als reiner Funkturm gedacht. Dann besannen sich die Macher jedoch darauf, daß eine touristisch nutzbare Attraktion sicher auch ihren Reiz hätte. Nun fragen Sie sich, warum ich das alles so ausgiebig gelesen habe. Naja ... dazu gibt'seine Geschichte.
Mein Papa hat ein bißchen Höhenangst. Ich selbst bin als Kind in Bäumen umhergeklettert wie Spiderman, so daß meine Mutter Angst haben mußte, mir könnte eventuell in schwindelnder Höhe  etwas zustoßen. In der jüngeren Vergangenheit habe ich auf Höhen nicht immer so lässig reagiert. Mein Problem ist meine rege Phantasie: Ich stelle mir eben zu schnell zu viele Details von dem vor, was eventuell danebengehen könnte. Oder mein Verstand sendet auf unmittelbarem Weg Informationen an mein Gefühl, die in der jeweiligen Situation nicht gerade zur innerlichen Entspannung beitragen. Will sagen: Ich bin ein Angsthase geworden ... !
Nichtsahnend näherte ich mich also mit unserer kleinen Truppe diesem monumentalen Bauwerk. In der Stadt ist es wirklich von jedem Punkt aus gut zu sehen, wenn nicht grad ein Wolkenkratzer im Weg steht und die Sicht versperrt. Dabei höre ich mich noch sagen: "Na, ich werd' da oben doch wohl keine Angst bekommen ...". Als wir dann die Sicherheitskontrollen passiert haben und in den Fahrstuhl steigen, entdecke ich die dezenten Glaselemente im Boden. Sofort sendet mein Hirn: "Unwohlsein starten". Ich beginne zu denken - schnell ist der Entschluß gefasst, mich in der Nähe meiner wind- und wetterfesten Frau aufzuhalten. Falls die mal Angst bekommen sollte, ist eine starke Schulter in der Nähe sehr von Nutzen. Und dann geht es auch schon nach oben. Die Front des Aufzuges ist ebenfalls aus Glas und die Kabine meistert die über 400 Meter in wenigen Sekunden. Das drückt auf die Ohren.
Oben angekommen sendet das Hirn weiter: "Wenn so ein Trum umkippt, gibt's einen mächtigen Krach ...". Ich fühle, wie ich mich an der Wand entlangtaste und vorsichtig durch die rundherum angebrachten Fenster nach unten schaue. Es wird langsam dunkel und die Stadt erstrahlt in einem wunderbarem Lichtermeer. Man könnte die Aussicht direkt genießen - wenn das Hirn nicht ständig "auf Sendung" wäre. Unsere kleine Reisetruppe unterhält sich. Mein Hirn erfährt, daß man noch weiter hoch kann - diesmal in den etwas kleineren Teil ... die Anderen sprechen von der "Spitze", die es noch hochzufahren gilt. Ich denke. Schaue runter. Mache ein paar Alibi-Fotos sowie ein paar Sekunden Videofilm. Dabei beschließe ich, jetzt nicht so genau hinzusehen und mich zu Hause im heimischen Wohnzimmer so richtig intensiv mit den Bildern zu beschäftigen.
Auf dem Weg zum zweiten Aufzug wird mir klar, daß man Helden sehr schnell vergißt. So beschließe ich, mit offenen Karten zu spielen und versichere dem Rest glaubhaft, daß es für mich nicht in Frage kommt, mir mit den letzten 100 Höhenmetern den Tag zu verderben. Zum Glück stoße ich auf Verständnis und werde vor dem Aufzug zurückgelassen. Dort warte ich wie der Hund, den man vorm Metzgerladen an die Leine gekettet hat. Nur, daß ich wesentlich zufriedener bin, als Waldi, der in Anbetracht der wartenden Wurstkringel sicher nicht besonders gerne dort festsitzt. Ich befasse mich in der Zeit mit den Schildern und Erklärungen, die man überall - für Angsthasen wie mich - hier an den Wänden angebracht hat. Plötzlich beschleicht mich ein unangenehmer Gedanke: Was, wenn der Weg von der Spitze des Turmes nicht über das mittlere Deck nach unten führt, sondern auf dem direkten Weg? Dann säße ich hier an der imaginären Hundeleine fest und müsste ab sofort hier im Turm leben (meine Frau hat nämlich sowohl meinen Pass als auch sämtliche Kreditkarten praktischerweise in ihrer Handtasche verstaut, da es sowas für Männer ja nicht gibt). Ich frage eine umherstehende Angestellte - und richtig: Der Weg von "the top" führt direkt nach unten und endet im "Gift Shop". Also stelle auch ich mich clever beim Fahrstuhl an und warte.
Nach einigem Ausharren fährt man mich mit den anderen Besuchern runter. Und da stehe ich dann. Kein Handy, kein Ausweis, kein Geld. Ich habe mich ziemlich ins Aus geschossen - und auch meine Mitreisenden sind nicht da. Nach mehreren Minuten des Wartens sendet mein Hirn wieder: "Wenn Dich Deine Frau loswerden möchte, ist das DIE Gelegenheit dafür - nicht einmal den Namen der Straße, in dem Euer Hotel steht, kannst Du auswendig aufsagen. Du bist ganz schön angeschmiert". Ich überlege, wie ich mir hier in Canada eine neue Existenz aufbauen soll. Die Obdachlosen, die wir auf dem Weg zum CN-Tower auf der Straße gesehen haben ... werden sie zukünftig meine besten Kumpels sein? Ich krame in meinem Rucksack nach meinem Handy - wer mich kennt, weiß, daß ich es nicht dabeihabe. "Tja, das war's dann wohl ...".
Doch die Geschichte hat ein Happy-End: Meine Frau kommt nach einigen Minuten dann doch aus dem Gang, vor dem ich Posten bezogen hatte, heraus. Auch Evi und Dieter hat sie im Schlepp. Ich bekomme einen Kuß und darf heute abend (entgegen des ursprünglichen Planes) ins HardRock-Cafe. Verlorengehen hat auch sein Gutes - wenn man am Ende gefunden wird auf jeden Fall!